Ohne Goethe geht’s nicht

Und wie Weimar sonst so war. Besuch in einer Stadt, die nicht nur eine Vergangenheit hat.
7. 2025
 

„Ach in Weimar wart ihr.“ Der freundliche ältere Herr wedelt mit der Grillzange und lächelt. Man steht auf kurz getrimmtem Rasen und im Schatten eines alten Kirschbaums – einem von vielen in der Gegend um Witzenhausen – und wartet, dass die Würstchen braun werden. „Nach Weimar kommt ja jeder wegen deutscher Geschichte – Goethe, Schiller und so. Aber das, was da auch noch war, ich sach mal so vor 1945, das wird gern außen vor gelassen.“ Und nach einer kurzen Kunstpause (es gilt auch eine Wurst zu wenden): „Ich sach mal: Wenn man schon in Weimar is, warum nicht auch wegen DER Geschichte?“

Tatsächlich ist die Stadt an der Ilm prallvoll mit Historie, und das mit Goethe und Anna-Amalia, Schiller und Herder – also die viel zitierte Weimarer Klassik – macht nur einen eher kleinen Teil davon aus. Wenn auch einen, der prominent präsentiert wird. Zum Beispiel im Weimarer Atrium, der städtischen Shopping Mall, die für Touri-Bus-Reisende das Eingangstor zur Stadt ist. Drei Etagen Verkaufsfläche inszenieren sich als Erlebniswelt mit Anklängen an Goethes Italienreise. Dazwischen hinterleuchtete Reproduktionen bekannter Gemälde von Kandinski und Klee – Weimar ist schließlich auch Geburtsort der Bauhaus-Bewegung. Direkt im Eingangsbereich überrascht – warum auch immer – Klimts „Goldene Adele“. Vom Wiener Sezessionisten gäbe es ja ein Bild namens „Buchenwald“. Doch das hätte womöglich zu sehr nach jenem Teil der Geschichte geklungen, der gern „außen vor“ gelassen wird. Obwohl man sich hier im Atrium bereits mittendrin befindet. Genauer: im Hauptgebäude des Gauforums, das als eines der größten Relikte monumentaler NS-Architektur erhalten blieb und unter Denkmalschutz steht. Der Shopping-Center-Bau und seine Verkaufskulissen ummanteln gleichsam das historisch kontaminierte Mauerwerk. Immerhin: Den gestutzten Turm bespielt seit 2024 ein „Museum Zwangsarbeit im Nationalsozialismus“. Jedenfalls erstreckt sich hinter der Mall noch immer, städtebaulich ungenutzt, der riesige Aufmarschbereich. Die Einfahrt zur Atrium-Garage soll bewusst so platziert worden sein, dass der Zugang zum Areal verbaut ist, um „nostalgischen“ Versammlungen vorzubeugen. Eine vorrausschauende Planungsentscheidung, wie sich heute zeigt: Weimar liegt – wenn auch als bürgerlich-konservative Insel – mitten in Thüringen, wo die AFD unter ihrem gesichert rechtsextremen Aushängeschild Björn H. bei der Bundestagswahl 2025 fast 40 Prozent erhielt. Diese Entwicklung spiegelt zwar einen globalen Trend, tritt aber in den „Neuen Bundesländern“ mit besonderer Deutlichkeit zu Tage. Nach der Wahl 2025 zeigten politische Landkarten die deutschen Bundesländer in den Farben der jeweils stärksten Partei: den ganze Osten also blau.

Nicht nur das erinnert daran, dass Weimar eben DDR-Gebiet war. Abseits der touristisch attraktiven Straßen konterkarieren Plattenbausiedlungen die kulturhistorisch aufgeladene Kleinstadtidylle. Und selbst im schmucken Zentrum, wo die alten gepflasterten Wege der harmonisch bewegten Topographie schmeicheln, bleibt diese Vergangenheit spürbar: Allzu oft ist den verdächtig schmucklosen Fassaden historischer Häuser anzusehen, dass eine späte Renovierung ihren Charme nicht retten konnte. Vieles wurde hier instandgesetzt, als Weimar 1999 als erster Ort des deutschen Ostens europäische Kulturhauptstadt war. Nicht überall ist man fertig geworden.

An die Zeit des Umbruchs im Jahr 1989 erinnert die zentral gelegene Gerberstraße, wo noch immer zwei besetzte Häuser die Stellung halten. Das war dereinst ganz wörtlich zu verstehen: Am 2. Oktober 1990 mussten sich die Besetzer:innen gegen einen koordinierten Neonazi-Angriff verteidigen. Auch an anderen Orten zeugt einschlägiges Graffiti von der Existenz linker Gegenkultur. Nicht zuletzt die bunte Wand gleich neben dem Weimarer Staatstheater, wo einst hinter dem Rücken der händchenhaltenden Dichtergrößen Johann Wolfgang G. und Friedrich S. die Weimarer Republik ausgerufen wurde.

In Goethes erster Weimarer Wohnung befindet sich das 1987 gegründete ACC (Autonomes Culture Centrum), dessen Name mehr nach Punk klingt als sein Programm. Zum Centrum zählt auch ein Café, das einen der vielen lauschig-kühlen Gastgärten dieser Stadt hat. Selbst das Grün ist nämlich in Weimar historisch. Und das gilt nicht nur für Geheimrat Goethes Ginko oder den unter seiner Beteiligung angelegten Ilmpark: Die ganze Stadt ist voll uralter Bäume, die längst die Dächer überragen – auch jenes des Liszt-Hauses – und schönsten Schatten spenden. Wundervoll etwa der Hof des Herder-Hauses (gleich neben der sog. Herder-Kirche mit einem Altar von Lucas Cranach dem Jüngeren, Wirkungsstätte des Dichters und Philosophen, Theologen und Freimaurers, Goethe-Freunds und späteren -Feinds). Leute wie Herder oder der Geheimrat trafen sich im Hause Kirms-Krackow in der Jakobsstraße, das heute ein kleines Museum beherbergt – und vielleicht einen der schönsten Hinterhöfe der Welt.

Tja, an Goethe und Schiller kommst du in Weimar eben nicht vorbei. Das birgt aber auch die Chance, sich ihnen auf Umwegen zu nähern: gleichsam über die Bande. Wer durch den historischen Friedhof spaziert, wo die beiden in der Fürstengruft liegen (Goethe wohl wirklich, Schiller vermeintlich), stolpert gleich über das schlichte Grab von Christian August Vulpius, auch er ein Dichter und Bibliothekar – und wie sogar auf der Inschrift zu lesen ist: Goethes Schwager. Die Gruft selbst entstand für die Familie Sachsen-Weimar und Eisenach, eine angeschlossene Russisch-Orthodoxe Kapelle baute man für die Großherzogin Maria Pawlowna. Der Durchbruch zwischen den Gebäuden soll garantieren, dass die Dame weiterhin mit ihrem Gatten Carl Friedrich verbunden bleibt. Im Tod gelebte Ökumene. Der kleine mit Ikonen und symbolbeladenem Plunder vollgestellte Sakralbau entführt einen Augenblick lang in eine scheinbar gänzlich fremde Welt.

In eine solche führen bekanntlich auch Bücher. Und die werden in Weimar traditionell hochgehalten. Wer das Schiller-Museum links liegen lässt, kommt in der Schillerstraße wenige Meter weiter an Hoffmann‘s Buchhandlung vorbei, die seit mehr als 300 Jahren existiert und immer noch gut sortiert ist. Wer hier wohl Stammkunde war? Außer – erraten – Johann Wolfgang und Friedrich angeblich auch Anna Amalia.

Ja genau: jene Anna Amalia von Braunschweig-Wolfenbüttel, die nach dem frühen Tod ihres Gatten die Regierungsgeschäfte übernahm, die komponierte, sich für die Frau in der Gesellschaft engagierte und nicht nur Künstler, sondern auch Künstlerinnen förderte – wie etwa die Dramatikerin Charlotte von Stein. Natürlich kennt man von Stein eher als Freundin Goethes und Anna Amalia als die, die ihn nach Weimar gebracht hat. Und – o.k. – zumindest in Weimar ist Anna Amalia auch in aller Munde, weil die dortige Bibliothek (die erste für die Allgemeinheit geöffnete fürstliche Büchersammlung) nach ihr benannt wurde. Die einzigartigen Bestände, für die als langjähriger Leiter der Institution natürlich auch der Geheimrat Mitverantwortung trägt, fiel 2004 beinahe einem Großbrand zum Opfer, der sich vor Ort tief ins kollektive Gedächtnis gegraben hat. Gegraben wurde dann auch für die Bücher, sie befinden sich heute größten Teils nicht im wiederhergestellten „Grünen Schloss“, sondern in einer Art Bücherbunker unterhalb des davor liegenden Platzes.

Und dann ist da noch Friedrich Nietzsche. Anders als Johann Wolfgang und der andere Friedrich hat er in Weimar weder aktiv gewirkt noch Salons heimgesucht: Er siechte hier unter der strengen Hand seiner Schwester Elisabeth Förster dem Tod entgegen. Förster war eben aus Paraguay zurückgekehrt, wo sich ihr Gatte, ein wegen rabiatem Antisemitismus suspendierter Gymnasiallehrer, nach dem Scheitern der von ihm gegründeten völkischen Kolonie suizidiert hatte. Bei der Etablierung eines Nietzsche-Archivs ließ sie sich u.a. von einem gewissen Rudolf Steiner unterstützen. Ihr Wirken als umstritten zu bezeichnen, wäre stark untertrieben. Försters berüchtigte Fälschungen im Nachlass sind dabei gar nicht das Schlimmste. Sie sollen vor allem Aussagen Friedrichs über sie betroffen haben und fielen demnach unter die Kategorie Menschliches, Allzumenschliches: Friedrich N. bezeichnete seine Schwester schon mal als „Höllenmaschine“. Dabei wusste er gar nichts von den wirklich problematischen Seiten ihres Wirkens: vom Spin, den sie seinem Werk gab, um es unterm NS-Regime groß und noch größer zu machen. In Weimar zu besichtigen ist die Villa Silberblick, wo der Philosoph seine letzten Jahre verbracht hatte und die danach, umgestaltet von keinem Geringeren als Henry van de Velde, zum heiligen Ort der "Nietzsche-Gemeinde" wurde. Für eine richtig große NS-Kultstädte gab es konkrete Pläne, auf die sich der involvierte Fanclub – darunter neben Frau Förster auch Hitler himself – zum Glück nicht mehr einigen konnte.

Im Gegensatz zur Philosophie Friedrich Nietzsches steht das Bauhaus nicht im Verdacht durch das NS-Regime vereinnahmt worden zu sein. Vielmehr galt es als marxistisch und entartet, seine wichtigsten Protagonisten emigrierten. Ganz ohne Ambivalenz ist aber auch sein Verhältnis zum Nationalsozialismus nicht, wie 2024 eine große kritische Ausstellung in Weimar sichtbar machte. Dennoch bildet das Bauhaus einen im Wortsinn modernen Kontrast zur Weimarer Klassik und ihrer vielfältigen Instrumentalisierung. Dabei ist die Bauhaus-Idee in Weimar doppelt präsent: als Geschichte aber auch als Gegenwart. Im Bauhaus Museum werden Historie und künstlerisch-kreatives Umfeld in schöner Zusammenschau präsentiert. So findet sich dort neben Designklassikern wie dem für Kandinsky entworfenen Stuhl B3 von Marcel Breuer auch Margarete Schütte-Lichotzkys „Frankfurter Küche“, die historisch nichts mit dem Bauhaus zu tun hat – inhaltlich aber sehr viel. Lebendig bleibt dies in der Bauhaus Universität Weimar, die sich noch heute in den von Gropius, Van de Velde & Co geplanten Häusern befindet. Der Campus ist nicht für eine touristische Nutzung ausgerichtet, als öffentliche Einrichtung aber für die Allgemeinheit zugänglich. Man tritt durch das schlichte hölzerne Eingangstor mit handgefertigten Originalbeschlägen in eine ikonische Kunst- und Designwelt, die hier ganz selbstverständlich auch Umfeld für den Studienalltag ist: Die Lichtschalter, die Lamperie, die Holztüren, alles. Unter dem oval geschwungenen Stiegenhaus steht eine Rodin-Skulptur (irgendwer hatte gerade den Staub von der Signatur gewischt, um sich vergewissern zu können), ein anderer Aufgang mit typisch typografischer Wandgestaltung führt nicht nur (immer noch?) zum Sekretariat, sondern auch zu Zeichensälen unterm Dach, wo Studierende im kreativen Chaos an der Zukunft basteln. So bleibt gesichert, dass das kleine Weimar weiter eine große Rolle spielt.

Übrigens: Das noch einmal deutlich kleinere Witzenhausen beherbergt auch einen Hochschulstandort: Die Uni Kassel betreibt hier seit Anfang der 1980er das Pionierstudium des Ökologischen Landbaus – passend zu einem Ort, dessen schönstes Touri-Fest tatsächlich die jährliche Kirschkernspuckweltmeisterschaft ist. Die Studis von heute sind klar positioniert: An die Wand eines der vielen alten Fachwerkhäuser wurde in schönster Schablonenschrift gesprayt: „Witzenhausen gegen Nazis“. Kein Witz.