Die wahren Helden

Man würde meinen, der herausragende und wichtigste Heroe von Madeira ist Christiano Ronaldo. Nix da.
5. 2025
 

Wie geht das zusammen? Da gibt es auf der Insel Madeira abgesehen vom umschließenden Meer so gut wie keine ebene Fläche, weshalb ja auch der Flughafen auf monumentalen Betonpfeilern errichtet werden musste und heute noch als einer der schwierigsten beim Landeanflug für Piloten gilt. Und trotzdem stammt der höchstdotierte Fußballer, Christiano Ronaldo, just von dieser Insel im Atlantik. Unsereinem, der in Österreich auch in den Bergen über 1.000 Meter Seehöhe aufgewachsen ist, wurde zeitlebens wohlgemerkt nachgesagt, dass wir zwar unendlich Kondition hätten, weil wir beim Spiel den abwärts rollenden Fußball immer aus dem Tal oder dem nächsten Bach holen mussten. Aber eben auch, dass wir aufgrund der fast ausschließlichen Hanglagen eben zwei ungleich lange Beine hätten – jedenfalls ungeeignet für den Spitzensport im Flachen.

Das mit den ungleich langen Beinen ist Mythos. Aber nennenswerte Fußballer brachte unsere Gebirgsgegend tatsächlich so gut wie nicht hervor. Ganz im Unterschied wie gesagt zur portugiesischen Madeira, in deren Hauptstadt Funchal Ronaldo geboren wurde und die ersten zwölf Jahre verbrachte, ehe er nach einem Probetraining bei Sporting Lissabon landete.

Ronaldo wechselte also von den Bergen in die Ebenen der weiten Welt. Nicht so seine Landsleute von Madeira. Einsam mitten im Atlantik leben sie noch heute, beschenkt von umwerfenden landschaftlichen Gebirgs- und Schluchtenformationen und be- bzw. heimgesucht von Touristenschwärmen jahrein und jahraus. Dass die Einheimischen fast alle verschwindend kleine Autos fahren, mag an den doch etwas bescheidenen ökonomischen Möglichkeiten liegen. Mindestens so sehr aber wird es an den engen Gebirgswegen liegen, auf denen die Fahrten andernfalls zu einem durchgehenden Dauerausweichmanöver werden würden.

Wiewohl: Man kann auch mit Dauerausweichmanövern vorankommen und leben. Das beweisen die Busfahrer der Insel. 15 Grad Gefälle oder auch deutlich mehr – kein Problem. Rückwärtsfahren, um einem entgegenkommenden Bus auszuweichen und dabei mit dem halben Heck über den Wegesrand hinausragen, hinter dem ein 200 oder 300 Meter tiefer Abgrund klafft – ihren Puls und Blutdruck erhöht das nicht. Und während die Touristen in solchen Momenten hinten bereits schnappend atmen oder gar beten, unterhalten sich die Busfahrer mit einheimischen Fahrgästen angeregt über das Leben, guten Wein und geschmackvolles Essen. Stilvoll mit obligatorischer Krawatte gekleidet, strahlen die Busfahrer, die übrigens fließend Englisch sprechen, Ruhe und Sicherheit aus. Sie machen ja nur ihren Job, würden sie sagen. Die steilen Abhänge sehen sie wohl, aber gleich von einem Risiko zu reden, würden sie für übertrieben halten.

Dabei sind die Busse, gelenkt von den wahren Helden von Madeira, alles andere als modern. Es sind solche, wie man sie bei uns in den 70er, 80er Jahren kannte und denen man heute auf Madeira das Keuchen anhört, wenn sie sich auf den Berg, sprich die zahllosen Berge hinaufquälen. Oder besser gesagt, von den wahren Helden hinaufgequält werden.

Apropos Helden: Auf dem Stadtberg von Funchal liegt der österreichische Kaiser Karl I. begraben, nachdem er am 1. April 1922 im dortigen Exil verstorben ist. Recht stimmig hat man im Jahr 2000 von der Nähe der Altstadt bis zur Bergstation am Largo das Babosas eine Seilbahn des Vorarlberger Liftherstellers Doppelmayr eingeweiht, damit man mit österreichischer Technik in 15 Minuten 3.200 Meter lang zum letzten Habsburgerkaiser bequem hochgondeln und dabei einen Höhenunterschied von 560 Metern überwinden kann.

Die Busfahrer mit ihren alten Bussen würden für diese Strecke vermutlich länger brauchen. Ihren Heroenstatus mindert das freilich nicht. Heldentum zeigt sich nicht in der Geschwindigkeit.