Magen voller Mythen

In der Dordogne ist Frankreich ganz bei sich. Und deshalb auch ein bisschen in Mittelerde.
8. 2024
 

Ein Kind, das für mittelalterliche Märchenwelten schwärmt, sagen wir für solche, wie sie Hal Fosters Prinz-Eisenherz-Comics zeichnen, kann nur enttäuscht sein, wenn ihm seine Eltern einen Schloss-Besuch versprechen … und nach Schönbrunn fahren: ein riesiges Haus, kein einziger Turm. Das sattgelbe Trauma, das der Autor dieses Beitrags so schon in frühester Jugend erlebte, hätte mit einem zeitgerechten Besuch des französischen Dordogne-Tals vielleicht kuriert werden können. Denn dort, in „Frankreichs Bauch“, wachsen nicht nur Trüffel an den Eichenwurzeln und XX-Large-Lebern in brutal „gestopften“ Gänsen, sondern auch mittelalterliche Dörfer und Chateaux in der idyllisch hingestreckten Landschaft. Der namensgebende Fluss hat ein weites Tal geschaffen, der Kalkstein pittoreske Landmarks und Steinhausdörfer mit Schieferdächern, wo drei Farben grau von Rosen und Lavendel umschmiegt das Mittelalter als Idylle vorstellen, von der wir alle eine Art Erinnerung oder Sehnsucht teilen. Zumindest alle, die Hal Foster gelesen haben. Oder Sir Walter Scott. Oder J.R.R. Tolkien.

Ja Tolkien. Der very britische Philologe, der sich im XX. JH unheimlich offenherzig die Rückkehr eines Königs wie Arthus oder Barbarossa wünschte, hat mit Mittelerde die Sehnsucht nach einem Mittelalter befeuert, das es so nie gab. Oder doch? In der Dordogne lässt sich jedenfalls ein Hauch dieser faszinierenden Illusion erleben. Und auch erwandern. Vorbei an schattigen Walnuss-Plantagen und gleichmütig grasenden Limousin-Rindern, die auf der Weide zu saftigen Entrecôte-Lieferant:innen heranwachsen, geht es auf der Route zu den schönsten Dordogne-Dörfern z.B. nach Autoire. Wie in Bruchtal hat die Natur hier einen großen Graben in die Landschaft gerissen, der in freundlichen Schlangenlinien von einem Wasser durchquert wird, das sich gerade eben spektakulär die Klippen hinuntergestürzt hat. Die reich betürmten Steinhäuser Autoires werden vom Château des Anglais bewacht, das sprichwörtlich aus dem Fels gehauen scheint. Wer seinen Kopf etwas zu lang der unbarmherzigen Klimwandelsonne ausgesetzt hat, kann da schon John Ronald Reuel auf einem Stein sitzen sehen, wie er sich Notizen zu Helms Klamm macht. Und wenn nicht er, dann saßen hier zwei andere Herren …

John Howe und Alan Lee, die beiden Illustratoren, deren Bilder zur Fantasiewelt J.R.R. Tolkiens Vorbild für die Verfilmung Peter Jacksons wurden, kennen die gotischen, zuweilen neugotisch ergänzten Architekturschönheiten Frankreichs ganz offensichtlich. Sie haben sich davon ebenso inspirieren lassen wie von westfälischen Hallenhäusern (für den rustikalen Prunk von Rohan), vom Jugendstil oder Künstlern wie dem Briten John William Waterhouse. Für Minas Thirith soll z.B. das Kloster Mont-Saint-Michel Pate gestanden sein. Das ist für einen der touristischen Hotspots Frankreichs auch sehr naheliegend. Noch nahliegender ist aber in Wahrheit der touristische Hotspot der Dordogne-Region: Rocamadour war ohne Zweifel ebenfalls Inspiration für Tolkiens Stadt der Könige. Über einem kleinen mittelalterlichen Dorf türmt sich hier ein in den Fels geschmiegter Komplex aus Festung und Kirchen, so dass – ganz wie in den berühmten Filmbildern – der Eindruck einer vertikal geschichteten Siedlung entsteht. Alles stimmt: der weiße Stein aus den Kalksteinbrüchen von Saint Astier, die grauen Schieferdächer. Es wurde sogar für die spektakuläre Aussicht, die sich durch die Lage Rocamadours von ganz oben ergibt, eine – im Alltag völlig sinnlose – Mauernase errichtet, die über den Abgrund auskragt, als wollte sie dazu einladen, dass sich ein bereits gefallener Truchsess tragisch brennend hinabstürzt …

Fragt sich nur, wie Howe und Lee in die Dordogne gefunden haben. Das Feine an dieser Gegend ist ja, dass ihre Schönheiten (anders als der Mont-Saint-Michel) mit ganz wenigen Ausnahmen als Geheimtipp gelten. Es kann passieren, dass ein wunderschöner Ort wie Loubressac bereits am frühen Abend, wenn sich die unbarmherzige Klimawandelsonne endlich weit genug senkt, um lange Schatten in die engen Gassen zu werfen, seine Besucher:innen ohne jedes kulinarische Angebot sitzen lässt: „Oui, nous sommes ouverts, mais le chef de la cuisinier est malheureusement déjà parti.“

Aber Illustrator:innen reisen nicht wie unsereins durch die Welt, bis J.R.R. plötzlich auf einem Stein vor ihnen sitzt. Sie recherchieren. Sie wissen: Tolkien hat seine im Wortsinn sagenhafte Welt aus bekannten Märchen und Mythen zusammengeschraubt. Immer wieder tauchen Motive aus isländischen Sagen, deutschen Legenden oder den mittelalterlichen Arthusromanen auf. Der weiße Baum Gondors, der zur Rückkehr des Königs wieder zu blühen beginnt, er hat sein Vorbild in Barbarossas altem Birnbaum, der bei der mythisch prophezeiten Wiederkunft des Staufers ergrünen soll. Barbarossas Job war es übrigens, das gelobte Land den Heiden zu entreißen. Tolkien schreckte nicht davor zurück, diese in seiner Welt mit naivem Rassismus durch Sauron und seine Orks zu ersetzen. Das macht auch seine Adaption einer anderen Kreuzzugslegende deutlich: Boromirs Heldentod. Der Edle aus Gondor stirbt von Pfeilen durchbohrt, nachdem er zahllose Orks niedergemetzelt und mehrfach ins heilige Horn gestoßen hat, Aragorn – der wahre König – kommt zu spät, ihn noch zu retten. Das entspricht (inkl. Pfeilen, Horn, König etc.) exakt dem Plot des Rolandsliedes. Mit dem unfeinen Unterschied, dass Roland eben Sarazenen abschlachtet.

Interessant für uns (weil auch für recherchierende Illustrator:innen) ist die Verbindung der Rolandslegende zu Rocamadour: Roland nämlich wollte verhindern, dass sein Schwert in die Hände der Heiden fiel und hat es von sich geworfen, es ist übers Land geflogen, um direkt beim berühmten Kloster in der Felswand stecken zu bleiben. Tatsächlich ragt dort ein Schwert aus dem Stein. Bzw. ragte, denn seit Juni 2024 (also kurz vor unserem Besuch) ist dieses verschwunden … Ob da ein Nachwuchs-Arthus irgendwelche Legenden durcheinandergebracht hat?

Recherchierende Illustrator:innen haben bzw. hatten jedenfalls schlagende Gründe, ins Dordogne-Tal zu reisen. Und dazu kommt: Sie werden dort mit großartigem Essen bei Laune gehalten und finden eine Welt vor, die selbstvergessen der Vergangenheit zu huldigen scheint – oder eben unserem romantischen Bild von ihr. Sie finden in der byzantinischen Kalkstein-Kirche von Souillac zudem Inspiration, ihr weißes Gondor architektonisch noch ein Stück weiter in die Vergangenheit zu schieben. Und wenn ihnen die unbarmherzige Klimawandelsonne ausreichend aufs Hirn brennt, haben vielleicht auch sie Halluzinationen. Dann sehen sie in der historischen Markthalle von Martel die Hobbits Merry und Pippin, wie sie sich ein zweites Frühstück klauen: Foie gras (die beiden haben bekanntlich keinen Genierer), Walnusspesto und Trüffelöl, weltbeste Würste und kleine Ziegenkäselaibchen, die auf der Zunge Geschmacksexplosionen hervorkitzeln, auf die das halbe Auenland neidig wäre. Auch das eine Sehnsucht oder Erinnerung, die nur ein Traum zu sein schien, bevor der Autor dieses Beitrags die Dordogne kennen lernen durfte. Spät aber doch.